Der blinde Knabe

by Frank Wedekind

[39] Der blinde Knabe O ihr Tage meiner Kindheit, Nun dahin auf immerdar, Da die Seele noch in Blindheit, Noch voll Licht das Auge war:

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Meine Blicke ließ ich schweifen

Jedem frei ins Angesicht; Glauben galt mir für Begreifen Und Gedanken kannt ich nicht. Ich begann jedoch zu sinnen

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Und zu grübeln hin und her,

Und in meiner Seele drinnen Schwoll ein wildempörtes Meer. Meine Blicke senkt’ ich nieder, Schaute tief in mich hinein

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Und erhob sie nimmer wieder

Zu dem goldnen Sonnenschein. Mußt ich doch die Welt verachten, Die mir Gottes Garten schien, Denn die Guten läßt er schmachten,

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Und die Bösen preisen ihn.

Freude, Lust und Ruh’ vergehen – O, wie wohl war einst dem Kind! Meine Seele hat gesehen, Meine Augen wurden blind!

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