Den Toten

by Rudolf Lavant

[106] Den Toten Es war am Abend, der uns Sieg auf Sieg Aus jedem Gau in rascher Folge brachte; Doch wenn der Jubel auf Minuten schwieg – Ja, wißt ihr auch, was ich im Stillen dachte?

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Ich dachte derer, die man schlafen trug

Und die der Sieg, in dem das Herz sich sonnte, Und all der Jubel, der zum Himmel schlug, Im Schoß der Erde nicht erreichen konnte. Ein Schatten senkte sich auf meine Brau’n,

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Und in der Seele ward es trüb und trüber;

Ein langer Zug, wehmütig anzuschaun, Zog Arm in Arm an meinem Blick vorüber. Ich hatte alle, alle sie gekannt Und sie geliebt um ihrer Treue willen,

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Ich hatte Waffenbrüder sie genannt,

Und ihr Gedächtnis pflegte ich im Stillen. Sie brachen einst begeistert uns die Bahn, Sie haben kühn für die Idee gestritten, Sie haben schweigend, wenn sie finstrer Wahn

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Mit Steinen warf, das Härteste gelitten;

Wenn sie die Schlange der Verleumdung stach, Hat überzeugter nur ihr Mund gesprochen, Und als im Tod ihr treues Auge brach, War nur ihr Leib, doch nicht ihr Mut gebrochen.

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Der bessern Zukunft haben sie vertraut,

Nachdem fürs Volk die Waffen sie geschliffen, Doch hätten sie den Junisieg geschaut, Er hätte tiefer sie als uns ergriffen; Hat auch der Kleinmut niemals sie erdrückt

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[107] Und sahen niemals sie das Ziel verschwimmen –

Wie hätten sie erschüttert und entzückt Trotz alledem die drei Millionen Stimmen! Als überall die Menge noch getanzt Um ein Idol, sogar im roten Sachsen,

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Da haben sie ein zartes Reis gepflanzt –

Wie rasch und stolz ist es zum Baum erwachsen! Gebt ihre Asche nicht den Winden preis, Die ihr die Frucht all ihrer Mühen pflücket – Es sei des Lorbeers reichstes, frischstes Reis,

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Mit dem ihr dankbar ihre Urnen schmücket!

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