Das spulende Kind

by Paul Haller

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Das spulende Kind Hundert Kinder, schulentsprungen, Ziehn die Sonntagskleidlein an. Lustig in den bunten Röcken, Und mit spitzen Wanderstöcken,

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Aus dem Städtlein geht’s bergan.

Vor der Tür beim letzten Häuschen Steht der ärmsten Mutter Kind: Augen, tränenschwer beladen, Schickt es nach den Kameraden,

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Die im Wald verschwunden sind.

Kehrt zur düstern Hinterkammer, Wo am Rad die Mutter schilt: „Spulen hilf mir, statt zu gaffen!“ Still beginnt das Kind zu schaffen,

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Und die Spule dreht sich wild.

Doch die kleine Seele wandert, Nimmt den Lauf zum Berg empor, Sucht die Spur der Kameraden Klettert auf den steilen Pfaden

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Und durch’s schwarze Felsentor.

An den lichten Blumenhängen Freudig holt sie ein den Zug, Singt und spielt im Kinderreigen, Bricht das Blust von jungen Zweigen,

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Hascht den Schmetterling im Flug.
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Hundert Kinder, schulentsprungen, Schwärmen mit dem Frühlingswind. Glauben nicht, daß eines fehle, Denn mit ihnen spielt die Seele,

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Und zu Hause spult das Kind.

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