Das schönste Gedicht

by Reinhold Eichacker (1886–1931) · 1925 German

Man sagt, daß ich ein Dichter sei,
und lobt mitunter meine Reime,
und manche kaufen sich sogar,
was ich zum Buch zusammenleime;
man schwärmt von Schönheit, Leidenschaft,
von Farben, Reichtum, Glut und Kraft
und seufzt bei manchem Bilde;
selbst die Kritik, als streng bekannt,
drückt anerkennend mir die Hand,
und kritisiert recht milde — —.
— — — — — — — — — —
Wohl möglich, daß aus all der Lust
einmal ein guter Vers geblieben,
doch meine besten Verse sind
und bleiben ewig ungeschrieben.
Die schönsten Strophen schreibt man nicht
die lebt man nur in weichen Gliedern,
und jede Schönheit wird Gedicht
und jede Anmut wird zu Liedern.
Und Vers und Reime bleiben stumm,
um meine Strophen zu verschönen,
ein heißes Stammeln wird zum Vers
zum wunderschönsten Reim ein — Stöhnen!
Das Herz schlägt wild den Takt dazu,
der Rhythmus singt im tiefsten Kusse,
der Inhalt heißt nur: "Du! — Du! — Du!"
mit "oh!" und "ach!" gehaucht, zum Schlusse.
Und Kritiker sind keine Herrn
mit Glatzen, Brillen, Bäuchen, Bärten,
die allerschönste Frau allein
kann dieser Reime Kunst bewerten.
Und siehst Du ihrer Augen Glanz
in Deiner Verse Wohllaut brechen,
dann darfst Du Glücklicher zum Lohn
Dein süßes Lied noch einmal sprechen!
— Und kein Prolet zieht Dein Gedicht
vor die Zensur und den Gendarmen — —
— die schönsten Verse schreibt man nicht,
die lebt man nur in Frauenarmen! (S. 87-88)

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