Das Lied vom gehorsamen Mägdlein

by Frank Wedekind

[37] Das Lied vom gehorsamen Mägdlein Die Mutter sprach in ernstem Ton: Du zählst nun sechzehn Jahre schon; Drum, Herzblatt, nimm dich stets in acht, Besonders bei der Nacht.

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Verlier dich von dem Lebenspfad

Nie seitwärts ins Geheg, Geh immer artig kerzengrad’ Den goldenen Mittelweg. Da kommt nun in der Dämmerstund’

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Des Pulvermüllers Heinrich und

Küßt mich – mir ward gleich angst und bang – Wohl auf die rechte Wang’: O Heinrich, das verbitt’ ich mir; Sieht’s Mutter, setzt es Schläg’.

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Am allerbesten wählen wir

Den goldenen Mittelweg. Und plötzlich schreit er glutentflammt: Ich führe dich zum Standesamt! – Schweig, sag’ ich, unverschämter Wicht;

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Dahin bringst du mich nicht! –

[38] Da flüstert er und freut sich schier, Weil ich’s mir überleg’: Nun gut, mein Schatz, dann wählen wir Den goldenen Mittelweg.

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Und wenn ich nun zur Ruh’ mich leg’,

Mir träumt vom goldenen Mittelweg; Mein Spielzeug macht mir kein Pläsier, Ich gäb’ es gern dafür, Gäb’ meine Schuh’, mein Röcklein fein,

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Weiß Gott, ich gäb’ noch mehr;

Hätt’ nie geglaubt, daß ich solch ein Gehorsam Mägdlein wär’.

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