Überraschung

by Richard Dehmel

Über die grauen Dächer weg, hoch hier oben, durch die langen roten Nelken, die vor meinem offnen Fenster leise zwischen mir und dem blauen Abendhimmel schwanken, will mein Herzschlag mit meiner Seele hinaus, hinauf. Um die höchste goldene Kirchturmkugel, im letzten fernen Lichte, mit hellen Flügeln, zieht ein Taubenschwarm eilende Kreise über dem Hause meiner Geliebten. Aus dem blassen Westen dringt der erste Stern und überflimmert scheu den lauten Dunst und trüben Lärm der großen Stadt hier unten, wie der erste blinkernde Traumgedanke aus dem grauen Schwarm der Lebensfragen in der Seele des Müden taucht - da klopft es. Klopft und ist auch schon im Stübchen, sitzt mir auf dem Diwan gegenüber, sagt kein Wort, es zittert nur ihr Atem, nur das lose Ringelhaar, nur die Lippen und die rote Bluse auf dem jungen, warmen, raschen Busen; und ich sage auch nichts. Ihre bangen Augensterne wagen in der stummen Dämmerung des Stübchens hoch hier oben einen süß beredten Evablick nach den langen roten Nelken hin; o, ihr Augen - - Und ich angle nach ihr mit den Beinen, diesen Perpendikeln meines Herzens: Kleine, merkst du, was die Uhr geschlagen hat? - aus: Richard Dehmel Gesammelte Werke in drei Bänden. Band 1 S. Fischer Verlag Berlin 1920 (S. 41-43)

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