Bei Eingange eines Neuen Jahrs

by Johann Grob

I. Bei Eingange eines Neuen Jahrs. O Wesen aller Wesen / Die gut und auserlesen / Der du den Weltpallast / Was oben / mitten / unden /

5
Auch drinnen wird gefunden /

Aus nichts erschaffen hast. Dir ist bereit zu dienen Hoch an der Himmelsbühnen Das güldne Sternenheer /

10
Der Erden Feld dergleichen /

So weit sie nur mag reichen / Darzu das tieffe Meer. [2] Du bist der Herr und Meister So vieler tausend Geister /

15
Die deine kraft erschuff:

Dir stehet zu gebotte Der Engel schnelle Rotte Auff eines wortes ruff. Der Himmel führt die Kreise

20
Nach ausgezielter weise

Von deiner hohen Hand / So daß den schönen fakeln Das irren oder wakeln Auf ewig unbekant.

25
Du heißt die Sonne rennen /

Das jahr daraus zu kennen / Auch muß das Liecht der Nacht Bald wachsen / bald verschwinden / Die Monat’ aus zu finden

30
Durch deiner Ordnung macht.

Der Winter weicht dem Lenzen / Der Sommer kennt die grenzen / Die sie dem Herbste gab: So lösen alle sachen /

35
Die einen umlauff machen /

Einander richtig ab. [3] Herr Gott / wie deine stärke Und weisheit alle werke Ganz zierlich aufgestellt /

40
Also / du kwell der Güte /

Umfanget dein gemühte Mit gnaden alle Welt. Die jahre zwar verfliessen / Wie schnelle ströme schiessen /

45
Wir führen gleichen schlag:

Du aber bleibst bestehen / Wann tausend jahr’ hingehen / Ists bei dir kaum ein tag. Dein Tron steht ewig feeste;

50
Wir Erdensöhn’ und Gäste

Sein nichts als unbestand / Wir sinken in dem schweben / Ja unser blödes Leben Ist nur des Todes pfand.

55
Der ringt nach hohen ehren /

Der wil die habe mehren / Und jener strebt nach kunst; Doch was auf ganzer Erden Nur mag genennet werden /

60
Ist alles wie ein dunst.

[4] Wir rüsten uns zu leben / Und Clotho[1] schneidt es eben In dieser arbeit ab; Wir haben hier kein bleiben /

65
Die zeit wird vns vertreiben /

Wir wallen in das grab. O eiteles beginnen! Der weise muß von hinnen / Der tohr muß auch daran /

70
Die Aerzte selber schwanken /

Ein Jüngling kan erkranken Gleich wie ein greiser Mann. Was halffen Cäsars Kronen / Was Crassens Millionen /

75
Was Catons ernster fleiß?

Sie seind dahin gefahren / Wo niemand von den schaaren Den weg zurüke weiß. Der Tod braucht seine Rechte /

80
Und fragt nicht nach geschlechte /

Nach stande / macht und pracht / Ein Goldstük und ein Hader / Ein Bischoff und ein Bader / Sind bei ihm gleich geacht.

85
[5] Wan nun der Leib verbleichet /

Der matte Geist entweichet / Wo bleibt der Erdentand? Man überläßt ihn andern / Und muß entladen wandern /

90
Wohin uns kaum bekant.

Herr / lehr’ es mich bedenken / Und mich darum nicht kränken / Was nur den Geist beladt: Laß mich mit klugen sinnen

95
Auch wenig lieb gewinnen /

Was wenig bleibens hat. Laß hier vor allen dingen Mich nach der Tugend ringen / Dem schaze / der allein

100
Mir nimmer mag verderben /

Ja der auch nach sterben Mir kan besizlich sein.

More poems by Johann Grob

All poems by Johann Grob →