Bei Eingange eines Neuen Jahrs
I. Bei Eingange eines Neuen Jahrs. O Wesen aller Wesen / Die gut und auserlesen / Der du den Weltpallast / Was oben / mitten / unden /
Aus nichts erschaffen hast. Dir ist bereit zu dienen Hoch an der Himmelsbühnen Das güldne Sternenheer /
So weit sie nur mag reichen / Darzu das tieffe Meer. [2] Du bist der Herr und Meister So vieler tausend Geister /
Dir stehet zu gebotte Der Engel schnelle Rotte Auff eines wortes ruff. Der Himmel führt die Kreise
Von deiner hohen Hand / So daß den schönen fakeln Das irren oder wakeln Auf ewig unbekant.
Das jahr daraus zu kennen / Auch muß das Liecht der Nacht Bald wachsen / bald verschwinden / Die Monat’ aus zu finden
Der Winter weicht dem Lenzen / Der Sommer kennt die grenzen / Die sie dem Herbste gab: So lösen alle sachen /
Einander richtig ab. [3] Herr Gott / wie deine stärke Und weisheit alle werke Ganz zierlich aufgestellt /
Umfanget dein gemühte Mit gnaden alle Welt. Die jahre zwar verfliessen / Wie schnelle ströme schiessen /
Du aber bleibst bestehen / Wann tausend jahr’ hingehen / Ists bei dir kaum ein tag. Dein Tron steht ewig feeste;
Sein nichts als unbestand / Wir sinken in dem schweben / Ja unser blödes Leben Ist nur des Todes pfand.
Der wil die habe mehren / Und jener strebt nach kunst; Doch was auf ganzer Erden Nur mag genennet werden /
[4] Wir rüsten uns zu leben / Und Clotho[1] schneidt es eben In dieser arbeit ab; Wir haben hier kein bleiben /
Wir wallen in das grab. O eiteles beginnen! Der weise muß von hinnen / Der tohr muß auch daran /
Ein Jüngling kan erkranken Gleich wie ein greiser Mann. Was halffen Cäsars Kronen / Was Crassens Millionen /
Sie seind dahin gefahren / Wo niemand von den schaaren Den weg zurüke weiß. Der Tod braucht seine Rechte /
Nach stande / macht und pracht / Ein Goldstük und ein Hader / Ein Bischoff und ein Bader / Sind bei ihm gleich geacht.
Der matte Geist entweichet / Wo bleibt der Erdentand? Man überläßt ihn andern / Und muß entladen wandern /
Herr / lehr’ es mich bedenken / Und mich darum nicht kränken / Was nur den Geist beladt: Laß mich mit klugen sinnen
Was wenig bleibens hat. Laß hier vor allen dingen Mich nach der Tugend ringen / Dem schaze / der allein
Ja der auch nach sterben Mir kan besizlich sein.