Als ich dich wiederfand ...

by Ilse Franke-Oehl (1881–1938) · 1922 German

Als ich dich wiederfand,
Trug deine Hand den schweren,
Trübgoldnen Ring.
Dein Auge hing
Mir abgewandt
Im Leeren,
Starr und verloren.
Ein toter Schmetterling
Liegt so erfroren
Im kalten Sand,
Vor Tau und Tag.

Gebunden
War deine Seele.
Wie seine Wunden
Ein Reh versteckt
Im hohen Rohr.

Aus wirrem Traum geschreckt
Fuhr ich des Nachts empor.
Mein Ohr
Fing einen todesbangen Ton:
"Weh mir,
Ich bin verloren.
Ich habe dich
Zu spät gefunden." (S. 60)
_____

More poems by Ilse Franke-Oehl

  • Der Schäfer

    Draußen sah ich einen schönen Schäfer,
    Der die Hände auf den Hügel lehnte
    Und das nackenwärts gebogene Haupt …
  • Die Brücke

    Zwei, die einst sich liebten, vor Gott und Menschen Weib und Mann,
    Gingen zwanzig Jahre stumm in Joch und Bann.
    Zwanzig Jahr in Schweigen, ohne Gruß und Wort. …
  • Dir

    Wie lieblich ist mein Los gefallen.
    Ich fühl' mich Weib und selig Kind,
    Begnadet vor den Menschen allen, …
  • Du Schönster ...

    Du Schönster unter den Menschenkindern,
    Vor deinem Antlitz bleicht
    Der Sonne Glanz. …

All poems by Ilse Franke-Oehl →