Abendgebet
[5] Abendgebet. HErr! wie manches Herz voll Kummer Wiegst du jetzt in süsser Ruh, Drückst mit Fittigen des Schlummers Manches Aug, das weinet, zu!
Schau’ es noch zu dir empor! Meines Dankes Stimme fliesse In dein horchend Vaterohr! So wie zwischen dieser Wolke
So hat unter seinem Volke Unter uns dein Sohn gelebt, Hat mit hellem Licht der Wahrheit Rings die Finsterniß zerstreut,
Und dem Herzen Folgsamkeit. [6] That ich heut wol, was die Lehre Dieses Sohns von mir begehrt, War ich heute wol der Ehre
Hatte mich kein Hochmuthfunken, Nicht der Wollust Glut entzündt, War ich nicht von Freuden trunken, Die wie Rauch vergänglich sind?
Zu dem Gebenden erhöht, Nie der Armuth leise Bitte, Nie der Freundschaft Rath verschmäht? War ich denen, die mich hassen,
War ich in dem Glück gelassen, Stark in Widerwärtigkeit? Zitternd, Gott! und mit Erröthen Muß ich es mir selbst gestehn;
Und gen Himmel aufzusehn; [7] Wie auf meinem Haupt die Haare, Mehrten meine Schulden sich: Mußt ich Sünder dann zur Bahre,
Aber du, der mir das Leben Noch zur Buß gefristet hat, Wirst, Allgütiger! vergeben Deines Knechtes Missethat!
Diese Nacht die letzte seyn, Hüllete des Todes Rechte Jetzt mein Aug gebrochen ein: Gieb, daß von verdienter Rache
Ich verklärt und froh erwache, Dich zu sehn in Ewigkeit.