Weihnachtslied

by Detlev von Liliencron

[182] Weihnachtslied. Seht! der jetzt hier vor euch steht, Ist ein Engel aus dem Himmel, Von den Sternen hergeweht, Ach, ins irdische Gewimmel.

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Manches hab ich angeschaut,

Ganz zuletzt die Weihnachtsbäume, Und darunter aufgebaut Tausend wachgewordne Träume. Mit Knecht Ruprecht ging ich viel

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Vor den schönen Christkindtagen,

Immer neu war unser Ziel, Seinen Rucksack half ich tragen. Unsrer Gaben Fülle lag Fest verschlossen in Verstecken,

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Daß nicht vor dem Jesustag

Naseweischen sie entdecken. Ein Klein-Lottchen konnt ich sehn, Mit dem Brüderchen, dem Fritzen, Suchten emsig auf den Zehn

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Schlüsselloch und Thürenritzen.

Kinder, ward der alte Mann Böse, zeigte schon die Rute! Doch ich that ihn in den Bann, Bis ihm wieder lieb zu Mute.

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[183] Und nun trägt vom hellen Baum

Jeder seinen Schatz in Händen, Und er läßt sich selbst im Traum Die Geschenke nicht entwenden. Ganz besonders diesmal fand

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Märchenbuch ich und Geschichten,

Denn ich kam in jedes Land, Wo die Menschen alle dichten. Bleibt ihr artig, kleine Schar, Wird Knecht Ruprecht an euch denken,

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Bringt euch auch im nächsten Jahr

Einen Sack voll von Geschenken. Und dann steht ihr wie im Traum. Und noch einmal seht ihr wieder Kerzenglanz und Tannenbaum

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Und hört alte Weihnachtslieder.

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