An Rosilis

by Anonymous (1600-1699)

 
1.
Ach! Rosilis / wie würd ich mich betrüben /
Wenn / schönste! nicht mein herz bey dir geblieben;
Der leib ist hier / die sinnen sind bey dir /
Und du mein kind! mein kindgen bist bey mir.

2.
Ich sehe noch den demant deiner strahlen /
Und den Rubin und purpur / so dich mahlen;
Ich spüre noch die balsamirte lufft /
So offt mein mund nach frischem athem rufft.

3.
Ich höre noch die holden Amber-worte /
So ich bekam von deiner purpur-pforte /
Ich schmecke noch den süssen zucker-thau /
So ich genoß auf deiner lippen au.

4.
Ich spüre noch das schmerz-vermengte küssen /
Als ich / mein kind! mich von dir scheiden müssen;
Ich schiede zwar / bin aber noch bey dir /
Und du mein kind! Mein kindgen bist bey mir.
(Theil 3 S. 99-100)

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