9. Ode Auf Desselben Geburtsfest, den 2. Febr. 1740

O Freund! Dein Fest, das Dich der Welt gegeben,
Soll meinen Trieb zur Dichtkunst jetzt erheben;
Und meinen Kiel, dieß theure Licht zu ehren,
Rein singen lehren.

Doch aller Antrieb ist bey mir verlohren!
Du bist Apollen selbst zur Lust gebohren;
Mir aber kömmt auf meinem rauhen Schilfe,
Kein Gott zur Hülfe.

Drum nimm ein Lied, das zwar nicht zierlich klinget;
Doch aber treu und ungekünstelt singet:
Mein reges Herz, läßt, seine Lust zu zeigen,
Mich doch nicht schweigen.

So oftmals sich noch dieser Tag erneuet,
Der heut mein Herz, mein zärtlich Herz, erfreuet;
So oftmals denk ich auch der süssen Stunden
Die uns verbunden.

Und, o wie selig ist mein Glück gewesen,
Daß Dich die Vorsicht mir zum Freund' erlesen!
Dich, Theurester! durch den ich bloß auf Erden
Konnt glücklich werden.

So bleibt der Satz der Weisen ewig feste:
Die Allmacht wählt dem Menschen stets das Beste;
Sie wacht für ihn, und will in allen Sachen,
Ihn glücklich machen.

Dieß hab ich, theurer Freund! durch Dich erfahren:
Der Himmel wußte Dich mir vorzusparen,
Um mir, in Dir, für alles mein Bestreben
Den Lohn zu geben.

Du hast allein in mir den Trieb zum Wissen
Erst angefrischt; und mich der Schaar entrissen,
Die, weil ihr Sinn verstrickt am Eiteln klebet,
Sich nie erhebet.

So laß' mich denn noch ferner Deine Lehren,
O theurer Freund! zu meinem Nutzen hören:
Denn Du nur kannst zu einem weisen Leben
Mir Regeln geben.

Der so die Tugend lehrt, und selber liebet,
Der weise Regeln giebt, und selbsten übet;
Der kann auch nur zu tugendvollen Werken
Die Geister stärken.

Und wer ist wohl, von allen die Dich hören,
So sehr geneigt, als ich, Dich zu verehren,
Dich treu zu lieben, und durch alle Thaten
Dieß zu verrathen?

Geliebter Freund! Dein weisheitsvolles Wesen,
Die Tugend, die Du Dir zum Zweck erlesen,
Die läßt den Ruhm, den Du Dir kannst erwerben,
Gewiß nicht sterben.

Die Nachwelt wird noch einst mit reinen Chören,
Das Angedenken meines Gottscheds ehren,
Und allem dem, was groß und hoch zu schätzen,
Zur Seite setzen.

So lache ferner, wenn die Misgunst tadelt;
Weil Dein Verdienst Dich ihr zum Trotze! adelt:
Was fragt ein Fels darnach, wenn Meer und Wellen
Gewaltig schwellen?

Dein edles Beyspiel soll mich ferner leiten,
Der Thorheit Macht mit Eifer zu bestreiten!
Denn, Theurester! wie groß ist das Vergnügen,
Mit Dir zu siegen!

O laß mich nur Dein Herz nie wankend spüren!
Sonst soll kein andrer Wunsch mein Herze rühren.
Ich aber will, wie ich mich längst verschrieben,
Dich ewig lieben.

Der, so der Tugend keinen Schutz versaget,
Befreye Dich von allem, was Dich plaget!
Und laß Dein Glück dereinst der späten Erden
Ein Muster werden.

Er laß uns bald die Weisheit siegen sehen,
Mit Macht das Reich der Unvernunft vergehen;
Und (soll ein Reim mein ganzes Wünschen fassen,)
Zugleich erblassen!

Collection: 
1774

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