Lotte klagt um Werther

by Jakob Michael Reinhold Lenz

Erwach ich zum Gefühl, stößt die beklemmte Brust
Die Seufzer aus, die sie erstickt sich unbewußt,
Ist's recht auch, daß zu deinem Grab die Tränen fließen,
Die zur Erleichtrung sich aus trübem Aug ergießen?
Ists Pflicht, sich sinnenlos um eingestandne Pein,
Verstummend, unerklärt im Herzen zu verzeihn?
Verdunkelt sind nunmehr die Freuden meiner Tage,
Dein traurig Schicksal bleibt der Vorwurf meiner Klage.
Und laß die Welt mich schmähn, Albert wird mir verzeihn,
Dich liebt ich als den Freund höchst zärtlich, engelrein,
Ein allzuzärtlich Herz verlangte Albert nicht.
Gern hätt es eingestimmt zu der geliebtern Pflicht,
Dem unglückseel'gen Freund kein'n Hoffnungsblick zu geben,
Um ihm die stille Glut im Busen zu beleben.
Ja ich, ich wars, dies ihm aus seiner Brust fortriß.
Durch mich beweint in hoffnungsloser Kümmernis
Die Mutter, den geraubt, den Sohn
Und Wilhelm seinen Freund, den er dort fern vom Thron,
Dem Abadona gleich, vielleicht von weiten sieht
Und heiliger verklärt von ihm nun traurig flieht.
Dort, wo du einsam ruhst, dort irrt die Phantasei
In schwermutvolle Lust und bricht in Melodei
Der Trauertöne aus, häuft Vorwurf auf den Schmerz,
Der langsam tötend auch zerreißt mein leidend Herz.
Das rührende Geschenk, das dein Hand mir gab,
Erinnert mich ans Grab,
Ach! wär es mein Geschick, dich einst zu überleben,
Für was für einen Preis hätt' ich mich dir ergeben! -
Ich schaudre, fühl es kalt durch meine Adern gehen,
Versteinert bleibt mein Herz als Monument hier stehen. (S. 119)
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