Leda

by Gertrud Kolmar (1894–1943) · 1960 German

Mein Fenster ist im Dunkel aufgetan
Und meine Seele aufgetan mit ihm.
Ich seh den Sternenkranz der Cherubim
Und warte auf den Schwan.

Der Nachthauch irrt um Lager und Gestühl
Und tastet an mein schauerndes Gewand
Und streicht mit kaltem Finger meine Hand;
Mein Fuß ist nackt und kühl.

Ich habe nicht den Tag, der eben blich,
Den Morgen und den Abend nicht erkannt;
Ich ging in Zimmern. Doch mein Wesen stand
Und rief die Nacht und dich.

Ich rufe dich. Ich klage nach dir stumm.
Ich sehne mich. Und wage keinen Schrei.
Sonst stürzte Neugier, Staunen, Zorn herbei;
Nun schlummert das ringsum.

Wo weilt der Teich, da blasse Rosen sind?
Wo glimmt die Tiefe, da du Silber schürfst,
Der mondgemischte Tropfen, den du schlürfst,
Raunt taubenblauer Wind?

Der meines Glückes glühnde Schmerzen trägt,
Dein stolzer Nacken windet sich und sinkt . .
O Stunde, da dein Flug, der schneeig blinkt,
An schwarze Himmel schlägt!

O Stunde, da du rauschend niederziehst,
Auf meine Brüste weicher Flaum sich senkt,
Da um die Liebe, die dir bebend schenkt,
Du reine Flügel schließt!

O komm. O komm. Mein Kelch ist aufgetan
Und badet, schwer von Demut und von Duft,
Sich blühend in der winterklaren Luft
Und wartet auf den Schwan. (S. 75-76)
_____


More poems by Gertrud Kolmar

  • Die Verlassene

    An K. J.
    Du irrst dich. Glaubst du, daß du fern bist
    Und daß ich dürste und dich nicht mehr finden kann? …
  • Das Haar

    Ich will mein Haar nicht stümmeln zu kleinen kurzen Stümpfen,
    Nicht kröpfen wie die Kronen der Weiden, der Linden,
    Da üppig Blattwerk ringelt an den wunden Rümpfen; …
  • Der Engel im Walde

    Gib mir deine Hand, die liebe Hand, und komm mit mir;
    Denn wir wollen hinweggehen von den Menschen.
    Sie sind klein und böse, und ihre kleine Bosheit haßt und peinigt uns. …
  • Der Seegeist

    Die Glashaut meiner Lider
    Verwirft die Nacht, verwirft das Licht;
    Der Möwe Sturmgefieder …

All poems by Gertrud Kolmar →