Helian
[61] HELIAN In den einsamen Stunden des Geistes Ist es schön, in der Sonne zu gehn An den gelben Mauern des Sommers hin. Leise klingen die Schritte im Gras; doch immer schläft
Abends auf der Terasse betranken wir uns mit braunem Wein. Rötlich glüht der Pfirsich im Laub; Sanfte Sonate, frohes Lachen. Schön ist die Stille der Nacht.
Begegnen wir uns mit Hirten und weißen Sternen. Wenn es Herbst geworden ist Zeigt sich nüchterne Klarheit im Hain. Besänftigte wandeln wir an roten Mauern hin
Am Abend sinkt das weiße Wasser in Graburnen. In kahlen Gezweigen feiert der Himmel. In reinen Händen trägt der Landmann Brot und Wein Und friedlich reifen die Früchte in sonniger Kammer.
Doch die Seele erfreut gerechtes Anschaun. [62] Gewaltig ist das Schweigen des verwüsteten Gartens Da der junge Novize die Stirne mit braunem Laub bekränzt,
Die Hände rühren das Alter bläulicher Wasser Oder in kalter Nacht die weißen Wangen der Schwestern. Leise und harmonisch ist ein Gang an freundlichen Zimmern hin, Wo Einsamkeit ist und das Rauschen des Ahorns,
Schön ist der Mensch und erscheinend im Dunkel, Wenn er staunend Arme und Beine bewegt, Und in purpurnen Höhlen stille die Augen rollen. Zur Vesper verliert sich der Fremdling in schwarzer Novemberzerstörung,
Wo vordem der heilige Bruder gegangen, Versunken in das sanfte Saitenspiel seines Wahnsinns, O wie einsam endet der Abendwind. Ersterbend neigt sich das Haupt im Dunkel des Ölbaums.
In dieser Stunde füllen sich die Augen des Schauenden Mit dem Gold seiner Sterne. Am Abend versinkt ein Glockenspiel, das nicht mehr tönt Verfallen die schwarzen Mauern am Platz,
Ein bleicher Engel Tritt der Sohn ins leere Haus seiner Väter. Die Schwestern sind ferne zu weißen Greisen gegangen Nachts fand sie der Schläfer unter den Säulen im Hausflur,
O wie starrt von Kot und Würmern ihr Haar, Da er darein mit silbernen Füßen steht, Und jene verstorben aus kahlen Zimmern treten. O ihr Psalmen in feurigen Mitternachtsregen,
Die kindlichen Früchte des Holunders Sich staunend neigen über ein leeres Grab. Leise rollen vergilbte Monde Über die Fieberlinnen des Jünglings,
[64] Ein erhabenes Schicksal sinnt den Kidron hinab, Wo die Zeder, ein weiches Geschöpf, Sich unter den blauen Brauen des Vaters entfaltet, Über die Weide nachts ein Schäfer seine Herde führt.
Wenn ein eherner Engel im Hain den Menschen antritt, Das Fleisch des Heiligen auf glühendem Rost hinschmilzt. Um die Lehmhütten rankt purpurner Wein, Tönende Bündel vergilbten Korns,
Am Abend begegnen sich Auferstandene auf Felsenpfaden. In schwarzen Wassern spiegeln sich Aussätzige; Oder sie öffnen die kotbefleckten Gewänder Weinend dem balsamischen Wind, der vom rosigen Hügel weht.
Ob sie den liebenden Hirten fänden. Sonnabends tönt in den Hütten sanfter Gesang. Lasset das Lied auch des Knaben gedenken, Seines Wahnsinns, und weißer Brauen und seines Hingangs
O wie traurig ist dieses Wiedersehn. [65] Die Stufen des Wahnsinns in schwarzen Zimmern, Die Schatten der Alten unter der offenen Tür, Da Helians Seele sich im rosigen Spiegel beschaut
An den Wänden sind die Sterne erloschen Und die weißen Gestalten des Lichts. Dem Teppich entsteigt Gebein der Gräber, Das Schweigen verfallener Kreuze am Hügel,
O ihr zerbrochenen Augen in schwarzen Mündern, Da der Enkel in sanfter Umnachtung Einsam dem dunkleren Ende nachsinnt, Der stille Gott die blauen Lider über ihn senkt.