Emma an Hilmar

by Christian Ludwig Neuffer (1769–1839) · 1829 German

Stets, o Hilmar, fließen meine Thränen,
Um die schnell entschwund'ne Rosenzeit.
Ach, mein Herz, es kann sich nicht gewöhnen
An die stille, leere Einsamkeit.
Du, nur du bist ewig mein Gedanke,
Dich nur seh' ich wachend und im Traum,
Dich umfaß' ich, wie den Stab die Ranke,
Ohne dich empfind' und leb' ich kaum.

O, vermöcht' ich's, stündlich dir zu sagen,
Wie du Alles deiner Emma bist!
Könnten's diese Winde zu dir tragen,
Dieser West, der mir die Lippen küßt!
Könnten alle Blätter dir es rauschen,
Jedes Bächleins Well' auf deiner Flur,
Könntest du es fühlen und erlauschen
In den Stimmen allen der Natur.

Meiner Freude Stunden sind vorüber,
Nur am Schatten weidet sich mein Herz,
Meiner Hoffnung Sterne werden trüber,
Furcht verbittert noch der Trennung Schmerz.
Keinen Brautkranz hab' ich mir erworben,
Kein Altar noch heiligt unsern Schwur,
Oed' ist mir die Welt und ausgestorben,
Und verweht ist jedes Frohsinns Spur.

Kehre bald, Geliebter, denn es ziehen
Wetterwolken auf in schwüler Luft!
Komm, bevor die Myrten uns verblühen,
Komm, und schütze, deine Emma ruft!
Neid und Haß ist gegen uns verschworen,
Deine Feinde stehen wider dich.
Komm, zur Hülf' und Rettung mir erkoren,
Hilmar komm, entreiß dem Grabe mich!

Aus: Gedichte von Neuffer
Zweites Bändchen Cabinets-Ausgabe
Hildburghausen u. New York
Druck und Verlag vom Bibliographischen Institut 1829 (S. 48-49)

_____

More poems by Christian Ludwig Neuffer

  • Abendgenuß im Frühling

    An Iduna
    In deiner Jugend herrlichen Blüthe, sey
    In deiner Schönheit prächtigem Schmuck gegrüßt, …
  • An die Unbekannte

    Wo such' ich dich, o du, die meinem Herzen
    Ein Gott erkor?
    Wo finden meine Klagen, meine Schmerzen …
  • An Ida

    Wo nehm' ich, dir zu danken,
    Die kühne Sprache her?
    Im Ungestüm der Wonne …
  • An Idas Krankenbette

    Dieß ist heiliges Land! Hier ring' ich nach Trost und Ergebung,
    Und mein kämpfendes Herz fleht um Erbarmung zu Gott.
    Ida schlummert! das sterbende Licht der verglimmenden Lampe …

All poems by Christian Ludwig Neuffer →