Viel Schmerzen haben mir die Brust durchwühlt,
Viel Thränen haben mir den Blick getrübt!
Mich dünkt jedoch, erst heut
Hätt' ich den allerherbsten Kelch geschlürft.
Denn es gewöhnt auch seine Qual der Mensch;
Doch wenn ihm einmal süß das Glück gelacht,
Dann wehe, doppelt weh,
Kehrt es sich eilends wieder ab von ihm!
Gram, Sorge, Druck, Verfolgung aller Art
Hat mich der Blüte meines Seins beraubt;
Mein Himmel, er war stets
Mit Grau bedeckt, und ohne Licht mein Pfad.
Still duldet' ich und starb ich hin. Da sieh,
Mit einem Male blickte mir ein Stern,
Ein gold'ner, himmlischer,
Und lichtete die Nacht, die mich umgab.
Andächtig hab' ich aufgeschaut zu ihm,
Vertraut auf ihn, wie man auf Gott vertraut:
Jedweder Grenze bar
War meines Herzens tiefe Glut für ihn.
Und nun, wie ist's? Die alte Düsternis
Umlagert mich; ich bin allein mit mir,
So schauerlich allein -
Wann wirst du wieder scheinen, o mein Stern?
aus: Deutsche Dichterin[n]en und Schriftstelerin[n]en
in Wort und Bild
Herausgegeben von Heinrich Groß
II. Band Berlin 1885