Die Weidenkätzchen

by Christian Morgenstern

[430]
DIE WEIDENKÄTZCHEN

Kätzchen, ihr, der Weide, wie aus grauer Seide, wie aus grauem Samt! O ihr Silberkätzchen,

5
sagt mir doch, ihr Schätzchen,

sagt, woher ihr stammt. »Wollen’s gern dir sagen: Wir sind ausgeschlagen aus dem Weidenbaum;

10
haben winterüber

drin geschlafen, Lieber, in tieftiefem Traum.« In dem dürren Baume in tieftiefem Traume

15
habt geschlafen ihr?

In dem Holz, dem harten, war, ihr weichen, zarten, euer Nachtquartier?

[431]
 »Mußt dich recht besinnen:
20
Was da träumte drinnen,

waren wir noch nicht, wie wir jetzt im Kleide blühn von Samt und Seide hell im Sonnenlicht.

25
Nur als wie Gedanken

lagen wir im schlanken grauen Baumgeäst; unsichtbare Geister, die der Weltbaumeister

30
dort verweilen läßt.«

Kätzchen, ihr, der Weide, wie aus grauer Seide, wie aus grauem Samt! O ihr Silberkätzchen,

35
ja, nun weiß, ihr Schätzchen,

ich, woher ihr stammt!

More poems by Christian Morgenstern

All poems by Christian Morgenstern →