Die junge Magd

by Georg Trakl

[6]           DIE JUNGE MAGD      Ludwig von Ficker zugeeignet 1. Oft am Brunnen, wenn es dämmert, Sieht man sie verzaubert stehen Wasser schöpfen, wenn es dämmert. Eimer auf und niedergehen.

5
In den Buchen Dohlen flattern

Und sie gleichet einem Schatten. Ihre gelben Haare flattern Und im Hofe schrein die Ratten. Und umschmeichelt von Verfalle

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Senkt sie die entzundenen Lider.

Dürres Gras neigt im Verfalle Sich zu ihren Füßen nieder. 2. Stille schafft sie in der Kammer Und der Hof liegt längst verödet.

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Im Hollunder vor der Kammer

Kläglich eine Amsel flötet. Silbern schaut ihr Bild im Spiegel Fremd sie an im Zwielichtscheine Und verdämmert fahl im Spiegel

20
Und ihr graut vor seiner Reine.

Traumhaft singt ein Knecht im Dunkel Und sie starrt von Schmerz geschüttelt. Röte träufelt durch das Dunkel. Jäh am Tor der Südwind rüttelt. [7] 3.

25
Nächtens übern kahlen Anger

Gaukelt sie in Fieberträumen. Mürrisch greint der Wind im Anger Und der Mond lauscht aus den Bäumen. Balde rings die Sterne bleichen

30
Und ermattet von Beschwerde

Wächsern ihre Wangen bleichen. Fäulnis wittert aus der Erde. Traurig rauscht das Rohr im Tümpel Und sie friert in sich gekauert.

35
Fern ein Hahn kräht. Übern Tümpel

Hart und grau der Morgen schauert. 4. In der Schmiede dröhnt der Hammer Und sie huscht am Tor vorüber. Glührot schwingt der Knecht den Hammer

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Und sie schaut wie tot hinüber.

Wie im Traum trifft sie ein Lachen; Und sie taumelt in die Schmiede, Scheu geduckt vor seinem Lachen, Wie der Hammer hart und rüde.

45
Hell versprühn im Raum die Funken

Und mit hilfloser Geberde Hascht sie nach den wilden Funken Und sie stürzt betäubt zur Erde. [8] 5. Schmächtig hingestreckt im Bette

50
Wacht sie auf voll süßem Bangen

Und sie sieht ihr schmutzig Bette Ganz von goldnem Licht verhangen, Die Reseden dort am Fenster Und den bläulich hellen Himmel.

55
Manchmal trägt der Wind ans Fenster

Einer Glocke zag Gebimmel. Schatten gleiten übers Kissen, Langsam schlägt die Mittagsstunde Und sie atmet schwer im Kissen

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Und ihr Mund gleicht einer Wunde.

6. Abends schweben blutige Linnen, Wolken über stummen Wäldern, Die gehüllt in schwarze Linnen, Spatzen lärmen auf den Feldern. Und sie liegt ganz weiß im Dunkel. Unterm Dach verhaucht ein Girren. Wie ein Aas in Busch und Dunkel Fliegen ihren Mund umschwirren. Traumhaft klingt im braunen Weiler

70
Nach ein Klang von Tanz und Geigen,

Schwebt ihr Antlitz durch den Weiler, Weht ihr Haar in kahlen Zweigen.

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