Des fremden Kindes heiliger Christ

by Friedrich Rückert

[246] Des fremden Kindes heiliger Christ. Es läuft ein fremdes Kind      Am Abend vor Weihnachten      Durch eine Stadt geschwind,      Die Lichter zu betrachten,

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     Die angezündet sind.

Es steht vor jedem Haus      Und sieht die hellen Räume,      Die drinnen schaun heraus,      Die lampenvollen Bäume;

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     Weh wird’s ihm überaus.

Das Kindlein weint und spricht:      „Ein jedes Kind hat heute      Ein Bäumchen und ein Licht,      Und hat daran seine Freude,

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     Nur blos ich armes nicht!

An der Geschwister Hand,      Als ich daheim gesessen,      Hat es mir auch gebrannt;      Doch hier bin ich vergessen

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     In diesem fremden Land.

Läßt mich denn Niemand ein      Und gönnt mir auch ein Fleckchen?      In all’ den Häuserreih’n,      Ist denn für mich kein Eckchen,

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     Und wär’ es noch so klein?

[247] Läßt mich denn niemand ein?      Ich will ja selbst Nichts haben,      Ich will ja nur am Schein      Der fremden Weihnachtsgaben

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     Mich laben ganz allein!“

Es klopft an Thür und Thor,      An Fenster und an Laden,      Doch Niemand tritt hervor,      Das Kindlein einzuladen;

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     Sie haben drin’ kein Ohr.

Ein jeder Vater lenkt      Den Sinn auf seine Kinder;      Die Mutter sie beschenkt,      Denkt sonst nichts mehr noch minder.

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     An's Kindlein niemand denkt.

„O lieber, heil’ger Christ!      Nicht Mutter und nicht Vater      Hab ich, wenn du’s nicht bist.      O, sei du mein Berather,

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     Weil man mich hier vergißt!“

Das Kindlein reibt die Hand,      Sie ist von Frost erstarret;      Es kriecht in sein Gewand      Und in dem Gäßlein harret,

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     Den Blick hinaus gewandt.

Da kommt mit einem Licht      Durch's Gäßlein hergewallet,      Im weißen Kleide schlicht,      Ein ander Kind; - wie schallet

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     Es lieblich, da es spricht:

„Ich bin der heil’ge Christ,      War auch ein Kind vordessen,      Wie du ein Kindlein bist.      Ich will dich nicht vergessen,

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     Wenn alles dich vergißt;

[248] Ich bin mit meinem Wort      Bei Allen gleichermaßen;      Ich biete meinen Hort      So gut hier auf den Straßen,

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     Wie in den Zimmern dort.

Ich will dir deinen Baum,      Fremd Kind, hier lassen schimmern      Auf diesem offnen Raum,      So schön, daß die in Zimmern

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     So schön sein sollen kaum.“

Da deutet mit der Hand      Christkindlein auf zum Himmel,      Und droben leuchtend stand      Ein Baum voll Sterngewimmel

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     Vielästig ausgespannt.

So fern und doch so nah,      Wie funkelten die Kerzen!      Wie ward dem Kindlein da,      Dem fremden, still zu Herzen,

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     Das seinen Christbaum sah!

Es ward ihm wie im Traum;      Da langten hergebogen      Englein herab vom Baum      Zum Kindlein, das sie zogen

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     Hinauf zum lichten Raum.

Das fremde Kindlein ist      Zur Heimat nun gekehret,      Bei seinem heil’gen Christ;      Und was hier wird bescheeret,

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     Es dorten leicht vergißt.

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