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Sonett CXXXI. William Shakespeare 1840

Tyrannisch bist du, jenen Andern gleich,
Die ihre Schönheit stolz und grausam macht;
Du weißt es wohl, in meines Herzens Reich
Stehst höher du als des Juweles Pracht.
5 Doch, glaub’ mir, Viele sagen, die dich schau’n,
Zum Seufzen könntst du Liebe nicht bethören...

Sonett LX. William Shakespeare 1840

Wie Wellen hin zum kies’gen Ufer rauschen,
So eilen unsre Tage rasch zum Ziel;
Im Wechsel müssen sie die Stellen tauschen,
Sie dringen vorwärts stets in bunt Gewühl.
5 Wenn die Geburt begrüßt des Lebens Licht,
Zur Reife kriecht sie dann, die, kaum gewährt,...

Sonett CXXXII. William Shakespeare 1840

Ich liebe deine Augen, die voll Leid,
Daß mich dein Herz so mit Verachtung quält,
Sich hüllend in der Liebe Trauerkleid,
In holdem Schmerz mich fragen, was mir fehlt.
5 Und, wahrlich, nicht des Morgenhimmels Sonne
Steht schöner zu des Osts bleichem Gesicht,...

Sonett LXVII. William Shakespeare 1840

Warum wohl soll er schuldbeflecket leben,
Dem Frevel leihen seines Daseins Zier?
Soll Sünde sich der Tugend gleich erheben,
Sich brüsten, daß Genoss’ er heißet ihr?
5 Darf falsch Gebild nachahmen seine Wangen,
Und stehlen todten Schein von seines Lebens Blüth...

Sonett CXXXV. William Shakespeare 1840

Wenn Andre wünschen, hast du deinen Willen,
Hast Willen ganz und Will’n im Ueberfluß,
Dein Quäler, ich, genügend will ihn stillen,
Dem holden Willen füg’ ich bei als Schluß:
5 Willst du, die ist gewillt so reich und weit,
Nicht gütig bergen meinen Will’n in...

Sonett CXLVII. William Shakespeare 1840

Mein Lieben gleicht dem Fieber, strebend immer
Nach dem, was Stoff der Krankheit muß verleih’n;
Es lebt von dem, was macht die Krankheit schlimmer,
Folgend dem fiebrischen Gelüst allein.
5 Vernunft, der Arzt der schweren Liebespein,
Voll Zorn, daß man nicht...

Sonett CXVIII. William Shakespeare 1840

Wie, um die Eßlust gier’ger zu erhöh’n,
Den Gaumen wir mit scharfen Tränken quälen,
Wie, ungesehnen Uebeln zu entgeh’n,
In Arzenei’n wir uns die Krankheit wählen:
5 So hab’, von deiner Süße vollgenährt,
Ich gern bequemet mich zu herben Brühen;
Vor...

Sonett LV. William Shakespeare 1840

Kein goldnes Ehrenmal, kein Marmorstein
Der Fürsten überlebt dies mächt’ge Lied.
Du strahlst in seinem Vers mit hellerm Schein,
Als jener Stein, den alter Staub umzieht.
5 Die Säule stürzt des Krieges wilde Wuth,
Des Maurers Werk zerstört des Aufruhrs Drang;...

Sonett LXX. William Shakespeare 1840

Sei nicht erzürnt darob, daß sie dich höhnen,
Stets war’s das Edle, was der Neid umschleicht;
Verdacht erst zeigt den reinen Glanz des Schönen,
Der Krähe gleich, die in den Aether steigt.
5 Sei gut, so hebt der Leumund nur die Würde,
Vor der die Huldigung der...

Sonett LXXIX. William Shakespeare 1840

So lang allein ich deine Hülf’ erfleht,
Hast Anmuth meinem Verse du verliehen;
Doch jetzt ist ganz mein süßer Sang verweht,
Die kranke Muse muß vor Andern fliehen.
5 Gesteh’ ich’s: es verdient dein holdes Wesen,
Daß würdigerer Meister hold es malt;
Doch...

Sonett LXXII. William Shakespeare 1840

Damit die Welt dich nicht mit Fragen quäle,
Wie ich’s um dich verdiente, noch im Grab’
Geliebt von dir zu werden, theure Seele! –
Vergiß mich, da Verdienst ich keines hab’!
5 Nicht sollst mit frommer Lüge du bethören,
Um mehr für mich zu thun, als mir gebührt,...

Sonett LXXIII. William Shakespeare 1840

Des Jahres Spätherbst magst in mir du seh’n,
Wenn falbes Laub kaum spärlich nur noch zittert
An Zweigen, die erstarrt von Frostes Weh’n,
Der Waldessänger Dom nun kahl verwittert.
5 Dem Zwielicht solches Tages gleich ich bin,
Der westlich dämmert, wenn die Sonne...

Sonett XII. William Shakespeare 1840

Zähl’ ich die Uhr, die uns die Zeit verkündet,
Seh’ ich, wie in die Nacht der Tag versinkt,
Wie schnell des Veilchens Blüthenzeit verschwindet
Und auf dem schwarzen Haar das Silber blinkt;
5 Seh’ ich, wie von dem Baum die Blätter flieh’n,
Die kaum die Heerde...

Sonett LXV. William Shakespeare 1840

Wenn Erz, Stein, Erde, unbegrenzte Fluth
Nicht trotzen kann der trüben Sterblichkeit,
Kann Schönheit bergen sich vor solcher Wuth,
Die keine Blum’ an Kräften überbeut?
5 Was soll des Sommers süßen Hauch beschützen,
Wenn heranbraus’t die rauhe Sturmesnacht,...

Sonett XLVII. William Shakespeare 1840

Mein Herz und Auge, sie sind jetzt vereint,
Und jedes strebt, das andre zu beglücken.
Wenn dich zu seh’n, mein Aug’ in Sehnsucht weint,
Wenn Liebesbängen mir das Herz erdrücken:
5 Dann malt dem Aug’ sich deiner Liebe Bild,
Das Herz wird Gast bei dem gemalten...

Sonett CXXXVI. William Shakespeare 1840

Schilt dich die Seele, daß ich kam zu nah,
Dann schwör’ ihr, daß dein Will ich war vor Allen;
Sie weiß es, er war gern gesehen da;
Möcht’ auch mein Liebeslied ihr so gefallen.
5 Will will den Schatz von deiner Liebe füllen,
Mit andern Willen füllen und dem...

Sonett LVIII. William Shakespeare 1840

Verhüte Gott, daß ich, dein Sklave, wollte
Sie zählen, deiner Lust geweihte Stunden,
Daß ich die Zeit dir je berechnen sollte,
Die als Vasall mich deinem Dienst verbunden.
5 O laß mich tragen, so es dir gefällt,
Entfernung von dir, dem Gefangnen gleich;
...

Sonett CXVI. William Shakespeare 1840

Laß nicht, wo treue Seelen sich verbunden,
Einspruch gescheh’n. Nicht Liebe wird genannt,
Was wechselt, gleich wie Wechsel es gefunden,
Dem Störer zur Zerstörung bietet Hand.
5 O nein! sie ist das Licht in Himmelsweiten,
Das unerschüttert auf die Stürme blickt...

Sonett CXX. William Shakespeare 1840

Wie freut es mich, daß du dereinst warst kalt;
Um jene Sorgen, die mich da gequält,
Beugt mich die Reu’ mit siegender Gewalt,
Wenn, Eisen gleich, der Geist mir nicht gestählt.
5 Denn hat dich so mein kalter Sinn durchdrungen,
Wie deiner mich, du lebtest...

Sonett CXXXVII. William Shakespeare 1840

Der thöricht blinde Gott, warum wohl trügt
Die Augen er, die seh’n und doch nicht recht?
Sie wissen, was Schönheit ist, wo sie liegt,
Doch schätzen Bestes sie, als wär es schlecht.
5 Wenn sich das Aug’, verzückt durch falsche Blicke,
Den Hafen sucht, dahin nun...