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Sonett CXXI. William Shakespeare 1840

Besser ist’s, schlecht zu sein, als so zu scheinen,
Da Nichtsein Schmach vom falschen Sein empfängt,
Gerechter Freud’ Verlust von Andrer Meinen,
Von unserm eignen Fühlen ab nicht hängt.
5 Warum soll frech der Falschheit arge Tücke
Mein wildes Blut mit schnödem...

Sonett CXXIII. William Shakespeare 1840

Nie rühme meines Wechsels dich, o Zeit!
Bau’ Pyramiden auf in neuer Pracht,
Für mich sind sie auch keine Neuigkeit,
Nur altes Werk, in neue Form gebracht.
5 Beschränkt ist unser Ziel, und daher staunen
Wir an, was Alles du uns zugewandt,
Als ob du es...

Sonett CXX. William Shakespeare 1840

Wie freut es mich, daß du dereinst warst kalt;
Um jene Sorgen, die mich da gequält,
Beugt mich die Reu’ mit siegender Gewalt,
Wenn, Eisen gleich, der Geist mir nicht gestählt.
5 Denn hat dich so mein kalter Sinn durchdrungen,
Wie deiner mich, du lebtest...

Sonett CXXV. William Shakespeare 1840

Sollt’ über dich ich Prunkgezelt’ ausbreiten,
Mit Aeußrem ehren deinen äußren Schein?
Gebäude gründen dir für Ewigkeiten,
Die dem Verfall bald Beute müßten sein?
5 Wie Viele, lüstern nach der Schönheit Gunst,
Sah Alles ich durch hohen Zins einbüßen?
Die...

Sonett CXXVI. William Shakespeare 1840

O du, mein holder Knabe, dessen Macht
Der Zeiten Sens’ und Stundenglas bewacht,
Der schwindend wuchs, und offen uns gelehrt,
Wie welk sein Freund, da Blüthe dir gewährt;
5 Wenn dich Natur, die Herrin aller Welt,
Im Vorwärtsgehen stets zurückehält,
So hat...

Sonett CXVI. William Shakespeare 1840

Laß nicht, wo treue Seelen sich verbunden,
Einspruch gescheh’n. Nicht Liebe wird genannt,
Was wechselt, gleich wie Wechsel es gefunden,
Dem Störer zur Zerstörung bietet Hand.
5 O nein! sie ist das Licht in Himmelsweiten,
Das unerschüttert auf die Stürme blickt...

Sonett LXXVII. William Shakespeare 1840

Es zeigt dein Spiegel deiner Reize Schwinden,
Die Uhr der köstlichsten Minuten Flucht;
Die weißen Blätter mögen drum verkünden
In dieser Lehre deines Geistes Frucht:
5 Die Runzeln, die dein Spiegel wiederstrahlet,
Sie mahnen dich an offner Gräber Ruh’,
...

Sonett CXXIX. William Shakespeare 1840

Des Geistes Aufwand bei der Schandthat Plan
Wird bei der That zur Lust, und bis zur That
Ist blutig, treulos, mördrisch, voll von Wahn,
Und wild die Lust, und roh und voll Verrath.
5 Befriedigt kaum, läßt sie des Ekels Spur;
Sinnlos wird sie begehrt, und kaum...

Sonett CXLII. William Shakespeare 1840

Lieb’ ist mein Fehl, dein Haß ist Tugendsinn,
Haß meiner Sünd’, gehegt in sünd’ger Lieb’;
Doch stellst mein Thun du neben deines hin,
Nicht findest du, daß Tadel auf ihm blieb;
5 Und wenn: nicht tadel’ es mit deinem Mund,
Der seinen Purpurschmuck hat frech...

Sonett CXXIV. William Shakespeare 1840

Wär’ nur ein Kind von Stande meine Liebe,
Wär’ vaterlos, Bastard des Glücks sie nur,
Die in der Zeiten Lieb’ und Hasse bliebe,
Kraut unter Kraut, Blum’ auf der Blumenflur.
5 Sie ward gebaut vom Zufall fern und weit,
Sie leidet nicht an Glanz und Pracht, sie...

Sonett CXLVII. William Shakespeare 1840

Mein Lieben gleicht dem Fieber, strebend immer
Nach dem, was Stoff der Krankheit muß verleih’n;
Es lebt von dem, was macht die Krankheit schlimmer,
Folgend dem fiebrischen Gelüst allein.
5 Vernunft, der Arzt der schweren Liebespein,
Voll Zorn, daß man nicht...

Sonett LXIV. William Shakespeare 1840

Wenn durch der Zeiten grimme Hand entstellt,
Ich seh’ Jahrhunderts stolze Pracht im Staube,
Der Zinne mächt’ge Wucht zur Erd’ gefällt,
Und ew’ges Erz der Menschenwuth zum Raube;
5 Gewahr’ des gier’gen Oceans Gewinn,
Den er des Ufers Königreich entrungen;...

Sonett LVI. William Shakespeare 1840

Erstark’, o Liebe! möge man nicht sagen,
Daß stumpfer dein Begehr als Eßlust sei,
Die schmausend heut’ sich sättigt mit Behagen,
Gekräftigt morgen zum Genuss’ auf’s Neu’.
5 So Liebe du, wenn heute auch du füllst
Dein hungernd Aug’, bis übersatt es winket,...

Sonett LXII. William Shakespeare 1840

Der Selbstsucht Sünde hält mein Aug’ umfangen,
Beherrschet meinen Geist, mein ganzes Sein,
Nicht Gegenmittel weiß ich zu erlangen,
Da tief die Sünd’ im Herzen wurzelt ein.
5 Kein Antlitz dünkt so hold mich als das meine,
Kein Wesen zeiget so der Wahrheit Zier;...

Sonett CXXVII. William Shakespeare 1840

Vor alter Zeit ward Schwarz nicht schön erachtet,
War’s, trug es doch der Schönheit Namen nicht;
Doch nun wird Schwarz als Schönheitserb’ betrachtet,
Und Bastardschmach entstellt ihr Angesicht.
5 Seit jede Stümperhand Natur sich glaubt,
Das Häßliche verschönt...

Sonett LXIII. William Shakespeare 1840

Wenn meinen Theuren einst, wie mir geschieht,
Der Zeit Unbill zerstörend wird erfassen,
Sein Blut aussaugt und seine Stirn durchzieht
Mit schnöden Furchen; wenn einst wird erblassen
5 Sein Jugendmorgen unter Altersmüh’n;
Wenn Reize, denen er, ein Fürst,...

Sonett L. William Shakespeare 1840

Nur zögernd zieh’ ich fort mit trägem Gange,
Da, was ich such’ – der müden Reise Ziel –
Mir zeiget, wie dem End’ ich näh’r gelange,
Daß zwischen Freund und mir der Meilen viel.
5 Das Thier, das fort mich trägt und meinen Schmerz,
Es schreitet matt, als fühlt’s...

Sonett IV. William Shakespeare 1840

Warum, o Anmuth, willst für dich du nur
Der Schönheit hold Vermächtniß so verschwenden?
Denn Alles leiht und nichts schenkt die Natur,
Doch frei ist, dem sie leihet ihre Spenden.
5 Warum mißbrauchst du, schöner Geizhals, doch
Die güt’ge Fülle, die dir ist...

Sonett CXXXII. William Shakespeare 1840

Ich liebe deine Augen, die voll Leid,
Daß mich dein Herz so mit Verachtung quält,
Sich hüllend in der Liebe Trauerkleid,
In holdem Schmerz mich fragen, was mir fehlt.
5 Und, wahrlich, nicht des Morgenhimmels Sonne
Steht schöner zu des Osts bleichem Gesicht,...

Sonett CXLIX. William Shakespeare 1840

Kannst, grausam, sagen du, ich lieb’ dich nicht,
Da deine Seit’ ich nehme gegen mich?
Denk’ ich nicht dein, wenn gegen mich die Pflicht
Ich selber mir verweigre, nur für dich?
5 Wer hasset dich, der mir noch Freund geblieben?
Wem zürnst du, dem ich zugewandt...