Title Poet Year Written Collection Body
Sonett LIX. William Shakespeare 1840

Wenn Alles war, was ist, wenn Nichts auf Erden
Neu – arg wird dann des Menschen Hirn bethört,
Das, rastlos grübelnd über neues Werden,
Ein altes Kind zum zweiten Mal gebärt.
5 O daß zurück Geschichte könnte reichen
Fünfhundert Sonnenläuf’! – ich möchte seh’n...

Sonett LXXVI. William Shakespeare 1840

Warum mein Vers der Neuheit Glanz entbehrt,
Stets arm sich zeigt an flücht’gen Wechselbildern?
Warum mein Blick der Zeit nicht zugekehrt,
Daß Fremdes ich in neuer Art könnt’ schildern?
5 Warum wohl schreib’ ich stets dasselbe Eine,
Bekleide mein Gedicht mit alt...

Sonett LXXIII. William Shakespeare 1840

Des Jahres Spätherbst magst in mir du seh’n,
Wenn falbes Laub kaum spärlich nur noch zittert
An Zweigen, die erstarrt von Frostes Weh’n,
Der Waldessänger Dom nun kahl verwittert.
5 Dem Zwielicht solches Tages gleich ich bin,
Der westlich dämmert, wenn die Sonne...

Sonett CXXXVI. William Shakespeare 1840

Schilt dich die Seele, daß ich kam zu nah,
Dann schwör’ ihr, daß dein Will ich war vor Allen;
Sie weiß es, er war gern gesehen da;
Möcht’ auch mein Liebeslied ihr so gefallen.
5 Will will den Schatz von deiner Liebe füllen,
Mit andern Willen füllen und dem...

Sonett XV. William Shakespeare 1840

Bedenk’ ich es, daß Alles, was da lebt,
Nur eine kurze Zeit vollkommen bleibt,
Und was in diesen weiten Grenzen schwebt,
Der Sterne unerforschter Wille treibt;
5 Schau’ ich den Pflanzen gleich die Menschen an,
Gepflegt und bald geknickt von einer Luft,
...

Sonett XXII. William Shakespeare 1840

Mein Spiegel soll nicht sagen, ich sei alt,
So lange Jugend sich mit dir vermählt;
Doch wenn das Alter dich mit Furchen malt,
Dann erst der Tod auch meine Tage zählt.
5 Denn alle Schönheit, die dich jetzt umschwebt,
Ist einzig meines Herzens Strahlenschein,...

Sonett LXXXIV. William Shakespeare 1840

Wer preis’t am höchsten dich? Was übersteigt
Wohl diesen Ruhm: Du seist du selbst allein?
Der Schatz, der sich in deinem Wesen zeigt,
Ist Maßstab dem, der ähnlich will dir sein.
5 Man muß nur bettelarm den Dichter schmälen,
Der seine Liebe nicht zu schmücken...

Sonett XXXIV. William Shakespeare 1840

Warum versprachst du solchen schönen Tag,
Daß ohne Mantel ich mich fortgewagt,
Da Wolken mich ereilten, die mit Schmach
Die Schönheit häßlich dir verhüllt in Nacht?
5 Nicht hilft’s, daß du die Wolken jetzt durchbrochen,
Und trocknest mir mein sturmgepeitscht...

Sonett CXXXIX. William Shakespeare 1840

Versuche nicht, die Unbill zu beschönen,
Mit der du lieblos willst mein Herz betrüben;
Dein Mund, doch nicht dein Auge mag mich höhnen,
Brauch’ deine Kraft, doch mögst nicht List du üben.
5 Sag’, daß du Andre liebst; doch bin ich bei dir,
Laß deine Augen dann...

Sonett I. William Shakespeare 1840

Vom schönsten Wesen wünschen Zuwachs wir,
Damit der Schönheit Rose bleibe ewig jung,
Und wenn der Reifre einstens schied von hier,
Sein Erb’ ihm wahre die Erinnerung.
5 Doch du, beschränkt auf deinen Flammenblick,
Nährst durch den eignen Brand der Flamme Gluth...

Sonett CXXII. William Shakespeare 1840

Fest steh’n die Tafeln, die du mir verehrt,
In meinem Haupt dem Andenken geweiht;
Sie sollen ragen über niedern Werth
Durch alle Zeit bis in die Ewigkeit.
5 Zum wenigsten so lange Herz und Haupt
Fortblüh’n in der naturgemäßen Kraft,
Bis seinen Theil von...

Sonett CXXXIII. William Shakespeare 1840

Verwünscht das Herz, das meins zum Seufzen zwingt,
Das Wunden meinem Freund und mir geschlagen!
Ist’s nicht genug, daß mir es Qualen bringt,
Sein sclavisch Joch soll auch mein Freund noch tragen?
5 Dein Aug’ hat grausam mich mir selbst entnommen,
Mein zweites...

Sonett CXXI. William Shakespeare 1840

Besser ist’s, schlecht zu sein, als so zu scheinen,
Da Nichtsein Schmach vom falschen Sein empfängt,
Gerechter Freud’ Verlust von Andrer Meinen,
Von unserm eignen Fühlen ab nicht hängt.
5 Warum soll frech der Falschheit arge Tücke
Mein wildes Blut mit schnödem...

Sonett CXVIII. William Shakespeare 1840

Wie, um die Eßlust gier’ger zu erhöh’n,
Den Gaumen wir mit scharfen Tränken quälen,
Wie, ungesehnen Uebeln zu entgeh’n,
In Arzenei’n wir uns die Krankheit wählen:
5 So hab’, von deiner Süße vollgenährt,
Ich gern bequemet mich zu herben Brühen;
Vor...

Sonett CXLIX. William Shakespeare 1840

Kannst, grausam, sagen du, ich lieb’ dich nicht,
Da deine Seit’ ich nehme gegen mich?
Denk’ ich nicht dein, wenn gegen mich die Pflicht
Ich selber mir verweigre, nur für dich?
5 Wer hasset dich, der mir noch Freund geblieben?
Wem zürnst du, dem ich zugewandt...

Sonett CXLVII. William Shakespeare 1840

Mein Lieben gleicht dem Fieber, strebend immer
Nach dem, was Stoff der Krankheit muß verleih’n;
Es lebt von dem, was macht die Krankheit schlimmer,
Folgend dem fiebrischen Gelüst allein.
5 Vernunft, der Arzt der schweren Liebespein,
Voll Zorn, daß man nicht...

Sonett CXXVIII. William Shakespeare 1840

Wie oft, wenn du, o meine Holde, spieltest
Auf dem beglückten Holz, das zitternd tönt
Von deines Fingers Griff, wenn auf du wühltest
Des Gleichklangs Ton, nach dem mein Ohr sich sehnt,
5 Beneidet’ ich die Tasten, die in Eil’
Sich drängten, deine zarte Hand zu...

Sonett CXXXVIII. William Shakespeare 1840

Wenn Liebchen schwört, daß sie der Wahrheit treu,
Dann glaub’ ich’s ihr, wenn auch ich weiß, sie lügt,
Damit sie wähnt, daß Jüngling ich noch sei,
Mir unbewußt, wie falsche Welt betrügt.
5 So, thöricht denkend, daß sie jung mich hält,
Wenn auch sie weiß, mein...

Sonett XIV. William Shakespeare 1840

Nicht in den Sternen les’ ich das Geschick,
Doch hab’ ich ihre Deutung wohl erkannt;
Nicht zwar verkünd’ ich gut und böses Glück,
Noth, Theurung und der Jahreszeiten Stand;
5 Auch sag’ ich auf Minuten nicht voraus,
Ob Regen, Donner, oder Wind uns trifft;...

Sonett CXVI. William Shakespeare 1840

Laß nicht, wo treue Seelen sich verbunden,
Einspruch gescheh’n. Nicht Liebe wird genannt,
Was wechselt, gleich wie Wechsel es gefunden,
Dem Störer zur Zerstörung bietet Hand.
5 O nein! sie ist das Licht in Himmelsweiten,
Das unerschüttert auf die Stürme blickt...